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Der Ausbau von Bushaltestellen

Eine Einbahnstrasse des Denkens

Mit dem behindertengerechten Ausbau von Bushaltestellen wird vielerorts die Umsetzung neuer «Verkehrsberuhigungsmassnahmen» umgesetzt. Für viele StrassenverkehrsteilnehmerInnen ein absolutes Ärgernis und eine fortschreitende Entwicklung in die falsche Richtung, moniert unser Autor Erwin Kartnaller.
Erwin Kartnaller
DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
• Der Ausbau von Bushaltestellen soll Barrierefreiheit verbessern, führt aber oft zu Verkehrsbehinderungen.
• Viele Massnahmen sind teuer und wirken sich negativ auf den Verkehrsfluss und die Umwelt aus.
• Soziale Hilfsbereitschaft im öffentlichen Nahverkehr wird «modernen» Denkweisen geopfert.

Als Folge des Behin­derten­gle­ich­stel­lungs­ge­set­zes wer­den schweizweit die Bushal­testellen baulich angepasst. In Summe wer­den dafür wohl Mil­lio­nen von Franken – wenn es denn reicht ‑dafür aus­gegeben. Im Zuge dieser «Gle­ich­stel­lung» wird nun aber im Gegen­zug der Verkehrs­fluss behin­dert, weil im Rah­men dieser Bautätigkeit vielerorts die Hal­te­bucht­en aufge­hoben wurden/werden und die Busse neu mit­ten auf der Strasse ste­hen bleiben. Es drängt sich der Ver­dacht auf, dass ein ursprünglich wohlge­meintes Ansin­nen dazu aus­genutzt wird, weit­ere Schika­nen, die sich unter dem wohlk­lin­gen­den Begriff der Verkehrs­beruhi­gungs­mass­nah­men verkaufen lassen, umzuset­zen. In dieser Hin­sicht sind der Staat, seine Planer­In­nen und weit­ere Untergebene ja äusserst ein­fall­sre­ich und umset­zungswillig, was man bei anderen sich auf­drän­gen­den Notwendigkeit­en eher ver­misst. Viele Bewohner­In­nen ent­lang solch­er Routen, und zahlre­iche Auto­mo­bilis­ten, die diese Strecke als Arbeitsweg nutzen, zeigen sich ob dieses Ein­griffs in den Strassen­verkehr wenig begeis­tert. Sie ver­schaf­fen ihrem Ärg­er in Gesprächen Luft.

Eine Einbahnstrasse des Denkens

Allein in mein­er näheren Umge­bung reichen die Fin­ger mein­er zwei Hände nicht mehr aus, um die Beispiele zu nen­nen, wo die Verkehrs­beruhi­gung auf die Spitze getrieben wird. Das Bild zum Artikel zeigt eine Buslin­ie, die in eine ländliche Gegend führt. Auf ein­er Strecke von nicht mal drei Kilo­me­ter wird der Strassen­verkehr mehrfach und in kurzen Abstän­den, an prak­tisch jed­er Hal­testelle, zum Still­stand gebracht.

In unmit­tel­bar­er Nähe zu meinem Wohnort kann ich von zwei Bushal­testellen erzählen, die auf Wun­sch der Bevölkerung mit ein­er Fuss­gängerun­ter­führung verse­hen wur­den. Was aber passiert? Viele der Fahrgäste, wenn sie in die Rolle des Fuss­gängers wech­seln, sprin­gen hin­ter dem Bus her­vor auf die Strasse. Auf der einen Buslin­ie mit dichtem Fahrplan und hohem Verkehrsaufkom­men wurde die Bushal­testelle nun eben­falls im Sinne des Behin­derten­gle­ich­stel­lungs­ge­set­zes angepasst. Die Hal­te­bucht wurde gle­ichzeit­ig aufge­boben, was keines­falls den räum­lichen Begeben­heit­en geschuldet sein kann. Die Still­stände mehren sich, der CO2-Ausstoss steigt als Folge ver­mehrten Stop­pens und wieder Hochbeschle­u­ni­gens der motorisierten Fahrzeuge.

In diesem Zusam­men­hang möchte ich nicht uner­wäh­nt lassen, dass ich in keinem anderen Land beobacht­en kon­nte, dass aus­gangs Kreisel Fuss­gänger­streifen auf die Strasse gepin­selt wer­den. Man lasse sich das mal durch den Kopf gehen: Menschen(leben) wer­den als Verkehrs­beruhi­gungs­mass­nahme einge­set­zt! Was sich hier durch­set­zt, kann man nur noch als Ein­bahn­strasse des Denkens beze­ich­nen – Ide­olo­gie wird mit Intel­li­genz gle­ichge­set­zt, und begün­stigt damit eine gren­zen­lose Verblö­dung.

Verhältnisblödsinn ist erlaubt, wenn’s andere bezahlen

Bezo­gen auf den ÖV fing es ja schon viel früher an. Es gab eine Zeit, da wur­den Bus­be­treiber verpflichtet, Behin­derten­lifte in ihre Busse einzubauen. Kosten­fak­tor: 20’000 bis 30’000 Franken pro Bus. Der Betreiber ein­er öffentlichen Buslin­ie aus ein­er touris­tis­chen Bünd­ner Gemeinde rech­nete mir mal vor: «Wir haben diesen Lift ein einziges Mal inner­halb eines Jahres gebraucht.» Man darf also dur­chaus von Ver­hält­nis­blödsinn sprechen.

Weitaus gün­stiger und den­noch wirk­sam ist die Tat­sache, dass die Bush­er­steller schon früh begonnen haben, ihre Kon­struk­tion­sweise dem Bedürf­nis verbessert­er Zugänglichkeit anzu­passen. Busse lassen sich auf der Seite des Zustiegs absenken. Dass aber ist dem Geset­zge­ber und inter­essierten Kreisen wohl zu wenig.

Ist Mitmenschlichkeit nur noch verbal in Gebrauch?

Ich erin­nere mich an Zeit­en, wo die Fahrgäste nicht wie erstar­rte Säulen mit dem Handy vor der Vis­age an der Bushal­testelle standen. Wenn jemand in den Bus zusteigen wollte, der nicht mehr gut zu Fuss war oder sog­ar im Roll­stuhl sass, fan­den sich sofort Leute, die dieser Per­son ihre Hil­fe anboten. Meis­tens kriegte man dafür ein Lächeln und ein «Dankeschön» geschenkt, frei von Hin­tergedanken. Das Gle­iche kam zum Zug, wenn eine Frau mit ihrem Kinder­wa­gen zusteigen wollte. Hier nun gilt es anzumerken, dass wir uns in unser­er mod­er­nen Denkweise sel­ber ein Ei gelegt haben. Wer das Pech hat, ein­er Frau in psy­chisch bedauern­swert­er Ver­fas­sung seine Hil­fe anzu­bi­eten, kön­nte leicht in den Ver­dacht ger­at­en, bil­lige Anmache zu betreiben oder riskiert unter Umstän­den sog­ar den Vor­wurf sex­ueller Beläs­ti­gung. Mann müsste das Gegenüber halt ein­schätzen kön­nen, was in der Kom­plex­ität entarteter Denkmuster immer schwieriger wird. Also «lieber wegschauen!», lautet ein Schutzmech­a­nis­mus. So schaufelt man dem men­schlichen Aus­tausch und dem hil­fre­ichen Zusam­men­wirken das Grab – in immer mehr Lebens­bere­ichen!

Gle­ichzeit­ig aber feiern Begriffe wie «Empathie» und «Mit­men­schlichkeit» einen infla­tionären Gebrauch. Offen­bar aber nur noch in der ver­balen Form, zum Zweck ein­er pos­i­tiv­en Selb­st­darstel­lung, welche das Bild des bewussten und guten Men­schen vor­gaukeln will.

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