Kein Land in Europa fährt so viel Bahn wie die Schweiz. Pro Kopf legen wir rund 2’400 Bahnkilometer im Jahr zurück. Das ist europäischer Rekord, und zwar mit deutlichem Abstand. Auch die Zugsdichte ist hierzulande am höchsten. Täglich verkehren auf dem SBB-Netz rund 161 Züge pro Strecke. Zum Vergleich: In Deutschland sind es nur 93. Hinzu kommt die Sicherheit. Bei getöteten und schwerverletzten Fahrgästen ist die Schweiz europaweit führend. Und über 95 Prozent der Regionalzüge fahren pünktlich, wie die neusten Berichte des Bundesamtes für Verkehr (BAV) zeigen.
Spitzenqualität hat ihren Preis
Diese Qualität gibt es allerdings nicht gratis. Der ÖV ist für Reisende wie für den Staat teuer. Die Schweiz investiert pro Kopf so viel in die Schiene wie kaum ein anderes Land. Doch der Gegenwert stimmt: ein dichtes, sicheres und verlässliches Netz. Wer das erhalten will, muss weiter investieren. So weit ist die Sache klar.
Strasse und Schiene sind keine Gegner
Heikel wird es bei der Frage, woher das Geld in Zukunft kommen respektive wieviel Geld in welchen Verkehrsträger investiert werden soll. Mit Verkehrsminister Albert Röstis Projekt Verkehr’45 stehen grosse Investitionen an. Diese dürfen jedoch nicht derart einseitig zulasten der Strasse gehen, wie dies aktuell vorgesehen wird. Denn rund zwei Drittel des Verkehrs laufen auch weiterhin über die Strasse – grosse Teile des regionalen Personenverkehrs im ÖV inklusive. Trotzdem spielen gewisse politische Kreise die beiden Verkehrsträger bisweilen nach wie vor gegeneinander aus. Das ist weder nötig noch klug.
Auch der ÖV ist auf der Strasse
Dabei zeigt sich: Auch in der Schweiz rollt der ÖV zu grossen Teilen auf der Strasse. Bund und Kantone bestellen rund 1’600 Linien im regionalen Personenverkehr. Viele davon sind Buslinien. Allein PostAuto betreibt 950 Linien und befördert jährlich rund 183 Millionen Fahrgäste. Insgesamt umfasst das strassengebundene ÖV-Netz rund 21’200 Kilometer. Das Schienennetz misst dagegen nur 5’400 Kilometer. Der öffentliche Verkehr braucht die Strasse also selbst. Strasse und Schiene sind damit keine Gegner, sondern Partner. Und wenn in den Agglomerationen und Städten die Autos im Stau stehen, leidet vielerorts auch der strassengebundene ÖV darunter, zumal der Raum für separate Buslinien vielerorts fehlt.
Sowohl-als-auch statt Entweder-oder
Das Fazit ist deshalb einfach. Die Schweiz soll ihren erstklassigen ÖV erhalten und ausbauen. Dafür braucht es verlässliche Investitionen, das ist unbestritten. Doch eine kluge Verkehrspolitik denkt Schiene und Strasse zusammen. Wer den einen Verkehrsträger gegen den anderen ausspielt, schwächt am Ende beide. Die Stärke des Schweizer Systems war nie das Entweder-oder. Sie war immer das Sowohl-als-auch.