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Der ÖV braucht die Strasse

Der Schweizer ÖV ist Spitze – und auf die Strasse angewiesen

Der öffentliche Verkehr ist in der Schweiz ein Erfolgsmodell. Trotzdem ist dies kein Freipass für den grenzenlosen Ausbau des ÖVs zulasten der Strasse - findet unser Autor Michael Gehrken.
Der Schweizer ÖV ist europaweit Spitze. Swiss public transport is the best in Europe. Les transports publics suisses sont les meilleurs d'Europe.
© iStock
DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
• Der Schweizer ÖV ist europaweit Spitze: höchste Bahnnutzung pro Kopf, dichtestes Zugsnetz und führend bei der Fahrgastsicherheit.
• Damit das so bleibt, braucht es verlässliche Investitionen – das ist unbestritten.
• Doch Verkehr'45 darf die Strasse nicht verdrängen: Der ÖV fährt selbst zu grossen Teilen auf ihr, Strasse und Schiene sind Partner.

Kein Land in Europa fährt so viel Bahn wie die Schweiz. Pro Kopf leg­en wir rund 2’400 Bahnkilo­me­ter im Jahr zurück. Das ist europäis­ch­er Reko­rd, und zwar mit deut­lichem Abstand. Auch die Zugs­dichte ist hierzu­lande am höch­sten. Täglich verkehren auf dem SBB-Netz rund 161 Züge pro Strecke. Zum Ver­gle­ich: In Deutsch­land sind es nur 93. Hinzu kommt die Sicher­heit. Bei getöteten und schw­erver­let­zten Fahrgästen ist die Schweiz europaweit führend. Und über 95 Prozent der Region­alzüge fahren pünk­tlich, wie die neusten Berichte des Bun­de­samtes für Verkehr (BAV) zeigen.

Spitzenqualität hat ihren Preis

Diese Qual­ität gibt es allerd­ings nicht gratis. Der ÖV ist für Reisende wie für den Staat teuer. Die Schweiz investiert pro Kopf so viel in die Schiene wie kaum ein anderes Land. Doch der Gegen­wert stimmt: ein dicht­es, sicheres und ver­lässlich­es Netz. Wer das erhal­ten will, muss weit­er investieren. So weit ist die Sache klar.

Strasse und Schiene sind keine Gegner

Heikel wird es bei der Frage, woher das Geld in Zukun­ft kom­men respek­tive wieviel Geld in welchen Verkehrsträger investiert wer­den soll. Mit Verkehrsmin­is­ter Albert Röstis Pro­jekt Verkehr’45 ste­hen grosse Investi­tio­nen an. Diese dür­fen jedoch nicht der­art ein­seit­ig zulas­ten der Strasse gehen, wie dies aktuell vorge­se­hen wird. Denn rund zwei Drit­tel des Verkehrs laufen auch weit­er­hin über die Strasse – grosse Teile des regionalen Per­so­n­en­verkehrs im ÖV inklu­sive. Trotz­dem spie­len gewisse poli­tis­che Kreise die bei­den Verkehrsträger bisweilen nach wie vor gegeneinan­der aus. Das ist wed­er nötig noch klug.

 

Auch der ÖV ist auf der Strasse

Dabei zeigt sich: Auch in der Schweiz rollt der ÖV zu grossen Teilen auf der Strasse. Bund und Kan­tone bestellen rund 1’600 Lin­ien im regionalen Per­so­n­en­verkehr. Viele davon sind Buslin­ien. Allein PostAu­to betreibt 950 Lin­ien und befördert jährlich rund 183 Mil­lio­nen Fahrgäste. Ins­ge­samt umfasst das stras­sen­ge­bun­dene ÖV-Netz rund 21’200 Kilo­me­ter. Das Schienen­netz misst dage­gen nur 5’400 Kilo­me­ter. Der öffentliche Verkehr braucht die Strasse also selb­st. Strasse und Schiene sind damit keine Geg­n­er, son­dern Part­ner. Und wenn in den Agglom­er­a­tio­nen und Städten die Autos im Stau ste­hen, lei­det vielerorts auch der stras­sen­ge­bun­dene ÖV darunter, zumal der Raum für sep­a­rate Buslin­ien vielerorts fehlt.

Sowohl-als-auch statt Entweder-oder

Das Faz­it ist deshalb ein­fach. Die Schweiz soll ihren erstk­las­si­gen ÖV erhal­ten und aus­bauen. Dafür braucht es ver­lässliche Investi­tio­nen, das ist unbe­strit­ten. Doch eine kluge Verkehrspoli­tik denkt Schiene und Strasse zusam­men. Wer den einen Verkehrsträger gegen den anderen ausspielt, schwächt am Ende bei­de. Die Stärke des Schweiz­er Sys­tems war nie das Entwed­er-oder. Sie war immer das Sowohl-als-auch.

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