Wenn immer ich mit dem Wohnmobil unterwegs bin, deaktiviere ich im Navigationssystem die Autobahnnutzung. Ich will ja die Landschaft sehen und erleben. Auf diese Weise habe ich schon die schönsten Ecken dieser Welt entdeckt. Das Ganze hat aber einen gewaltigen Haken, wie eine kürzlich durchgeführte Reise nach Südfrankreich offenbarte. Von freier Fahrt kann wahrlich nicht mehr die Rede sein: Die Durchfahrt durch die meisten Dörfer wird zur «Vierschanzen-Tournée», zum «Ampelhüpfen» und zum «Millimeterspiel». Stillstand und Schleichfahrt prägen das Fahrerlebnis!
In fast jedem Kaff lauert Buckel um Buckel
Zunächst einmal fallen einem die aufgeschichteten Asphaltbuckel auf, die nun tatsächlich das Gefühl beschleunigen, sich auf einer Vierschanzentournée zu befinden. Die Fahrt freilich wird davon nicht beschleunigt, ganz im Gegenteil. Sinn und Zweck dieser Verkehrsberuhigungsmassnahme ist es, den Strassenverkehr rabiat einzubremsen. Viele dieser Buckel weisen eine Höhe auf, so dass man sie nur mit 10, bestenfalls 20 km/h schadenfrei überwinden kann. Wer ein tiefer gelegtes Fahrzeug fährt, dürfte gleichwohl ein jedes Mal das Kratzen seiner Front‑, Seiten- und Heckspoiler im Ohr haben. Ein abgeschlagener Auspuff ist dann wohl das höchste aller Hörerlebnisse. Waren diese Buckel einst nur an Dorfeingängen platziert, begleiten sie einem nun vielerorts durchs ganze Gemeindegebiet – teils in sehr kurzen Abständen und dies durchgängig in 30er-Zonen.
Einsame Lichtsignalanlagen
In vielen Dörfern trifft man des Weiteren auf Lichtsignalanlagen, die weder Fussgängern noch Verkehrsteilnehmern aus Seitenstrassen den Zugang zur Hauptstrasse ermöglichen sollen. Sie scheinen wahllos aufgestellt worden zu sein. Als Schlussfolgerung meiner Beobachtungen dienen sie vermutlich in erster Linie dazu, Fahrzeuge, die sich nicht exakt an die Tempolimite von 30 km/h halten zum Stillstand zu bringen. Auf jeden Fall schalten sie auf Rot, ohne dass es dafür einen ersichtlichen Grund gäbe.
Künstliche Verengungen werden zum Millimeterspiel
Doch damit nicht genug. Überaus einfallsreiche «Verkehrsexperten» beglücken die homo mobilis als Draufgabe mit künstlich erstellten Engpässen. Betonkübel mit und ohne Blumenpracht, gepflasterte Erhebungen, kurvenreiche Bodenmarkierungen verengen die Fahrbahn an vielen Stellen und zwingen zum Abbremsen und bei Gegenverkehr zum Stillstehen. “Verkehrsexperten” notabene, die bei Infrastrukturaufgaben zur Verflüssigung des Verkehrs weitaus weniger einfallsreich in Erscheinung treten!
CO2, Lärm und Stau garantiert
Seit Jahren habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, stets den Bordcomputer mit dem aktuellen und durchschnittlichen Treibstoffverbrauch im Blickfeld zu haben. Während der Fahrt durch die französischen Dörfer, und natürlich nicht nur dort, wird einem dann schnell bewusst, wie kontraproduktiv diese Verkehrsbehinderungsmassnahmen sind. Beim Anfahren, nach einem der vielen erzwungenen Stillstände, schnellt der Treibstoffverbrauch um den drei- bis fünffachen Wert hoch, welchen er noch während der flüssigen Fahrt anzeigte. Der Durchschnittsverbrauch macht in der Folge alle Bemühungen zunichte, ökonomisch und ökologisch zu fahren. Die Messwerte beweisen unmissverständlich, dass ich auf der Autobahn bei einer Geschwindigkeit von 130 km/h weitaus sauberer unterwegs bin.
Ein weiterer Aspekt, der sich ins Gegenteil dessen verkehrt, was gewollt ist, betrifft den Verkehrslärm. Beim Anfahren dreht der Motor naturgemäss hoch, verursacht also mehr Lärm, als wenn er in regelmässigem Tempo vor sich hin schnurrt. Dass mit dem Einbremsen des Strassenverkehrs letztlich auch die Staubildung massiv zunimmt, sei hier und jetzt nur mal am Rande erwähnt. Diese ständigen, zeit- und nervenraubenden Stillstandsphasen lassen einem natürlich die Haare zu Berge stehen, und wer mit Glatze durchs Leben muss, wird durch eine «Vollkopf-Errötung» auffallen. Ich will damit auf einen weiteren Faktor der Gesundheitsschädigung hinweisen. Doch eingedenk all der Verkehrsberuhigungsmassnahmen und generell der Einstellung gewisser Kreise zur Mobilität muss man wohl oder übel eh von einer kranken Gesellschaft sprechen.
Massnahmen epidemischen Ausmasses
Wer er sich nun ganz einfach machen will und mit dem Finger allein auf Frankreich zeigt, den muss ich enttäuschen. Obwohl die Römer wahrscheinlich sagen würden: «Die spinnen, die Gallier!», lassen sich diese Tendenzen zur Verkehrsbehinderung auch in der Schweiz, Deutschland, Österreich und vielen anderen Ländern Europas beobachten. In der Schweiz braucht es durch die dichte Besiedelung halt einfach nicht jene Häufigkeit von Asphaltbuckeln. Hierzulande sorgen eine unselige Fussgängerregelung, Verkehrsampeln, Bushaltestellen auf der Fahrbahn, Betonklötze auf der Fahrspur und eine den Erfordernissen hinterherhinkende Strasseninfrastruktur dafür, dass die Tachonadel öfter auf 0 km/h zeigt, als einem lieb sein kann. Und weil die Distanz von einer Ortschaft zur anderen so kurz ist, ergibt sich allein daraus eine geradezu epidemische Häufigkeit.
Die Schlussfolgerung
Während also die Einführung und Erhöhung bestehender Verkehrsabgaben mit ungebremstem Tempo voranschreitet, wird die Mobilität schleichend eingebremst. Mit Konsequenzen, die wirtschaftlich, umwelttechnisch und aus sozialer Sicht höchst schädlich sind. Abermals leitete ich daraus die Erkenntnis ab, dass Ideologie und Intelligenz sich gegenseitig aufheben!
3 Responses
Du schreibst mir aus dem Herzen Erwin.
Ich bin sehr oft in Frankreich beruflich unterwegs. Fast noch mehr als in der Schweiz.
Es scheint mir, dass die Verkehrsbeamten der einzelnen Länder immer nur das Unbrauchbare voneinander abkupfern und dann neu zusammenwürfeln.
In Grossbritannien haben wir die Huppel, Querbalken und all das Zeug ’sleeping policeman’ genannt. Vielleicht hülfe es, wenn wir dies in die Tat umsetzten und die Beamten der Verkehrsministerien auf die Strasse legten. Das ist CO2-freundlicher als der viele Beton, der für die Huppel produziert werden muss.
bestes beispiel gotthard! tropfensystem = staufabrikant!
Lieber Erwin
Endlich mal jemand, der die Fakten belegbar auf aufzeigt.
Grossartig! Einen Aspekt hättest Du noch erwähnen können: Durch den abgebremsten Stop-And-Go Verkehr sammeln sich die Abgase dunstwolkenartig in den Dörfern, was sicherlich sowohl die Einwohner, als auch die Krebsforscher sehr freuen wird …
Beste Grüsse, Uwe