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Offener Brief an die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen

Die EU muss ihre Automobilpolitik flexibler gestalten

In einem Schreiben an die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, legten europäische Automobilhersteller (ACEA) und Zulieferer (CLEPA) ihre Erwartungen an den bevorstehenden Strategischen Dialog zur Zukunft der europäischen Automobilindustrie dar.
© KI / eka
DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
• Notwendigkeit einer flexibleren EU-Automobilpolitik zur Dekarbonisierung und Wettbewerbsfähigkeit.
• Berücksichtigung verschiedener Technologien (EV, PHEV, Range Extender, ICE, Wasserstoff) und realer Marktbedingungen.
• Strategischer Dialog am 12. September als Wendepunkt für Kurskorrekturen.

Die EU muss ihre Auto­mo­bilpoli­tik flex­i­bler gestal­ten, um Dekar­bon­isierung, indus­trielle Wet­tbe­werb­s­fähigkeit und Liefer­ket­ten­re­silienz sicherzustellen. Pläne müssen reale Mark­tbe­din­gun­gen berück­sichti­gen, von Plug-in-Hybri­den bis CO2-Stan­dards für Lkw/Busse. Der Strate­gis­che Dia­log am 12. Sep­tem­ber soll Kursko­r­rek­turen ermöglichen. In einem Brief gelan­gen Ola Käl­le­nius (Präsi­dent der Euro­pean Auto­mo­bile Man­u­fac­tur­ers’ Asso­ci­a­tion (ACEA), CEO von Mer­cedes-Benz) und Matthias Zink (Präsi­dent der Euro­pean Asso­ci­a­tion of Auto­mo­tive Sup­pli­ers (CLEPA), CEO Pow­er­train and Chas­sis at Scha­ef­fle) mit ihren Anliegen und Vorschlä­gen direkt an die Präsi­dentin der Europäis­chen Kom­mis­sion Ursu­la von der Leyen.

Sehr geehrte Frau von der Leyen

Die EU riskiert, den Weg bei der auto­mo­bilen Trans­for­ma­tion zu ver­passen – der strate­gis­che Dia­log im Sep­tem­ber bietet die Chance, den Kurs zu kor­rigieren. Sehr geehrte Präsi­dentin, sehr geehrter Präsi­dent der Europäis­chen Kom­mis­sion, als Auto­mo­bil­her­steller und ‑zulief­er­er set­zen wir uns dafür ein, der EU zu helfen, das Net­to-Null-Ziel bis 2050 zu erre­ichen. Gemein­sam haben wir Hun­derte neuer Elek­tro­fahrzeug­mod­elle einge­führt und uns verpflichtet, mehr als 250 Mil­liar­den Euro bis 2030 in die grüne Trans­for­ma­tion zu investieren. Wir wollen diese Trans­for­ma­tion erfol­gre­ich gestal­ten – doch uns frus­tri­ert das Fehlen eines ganzheitlichen und prag­ma­tis­chen Poli­tik­plans für die Trans­for­ma­tion der Auto­mo­bilin­dus­trie. 

Ungleich lange Spiesse

Die EU regelt derzeit die Her­steller im Hin­blick auf die Liefer­ung neuer Fahrzeuge, schafft jedoch nicht die Bedin­gun­gen, die die Trans­for­ma­tion ermöglichen. Europa ist fast voll­ständig von Asien für die Bat­terier­w­ertschöp­fung abhängig, es gibt eine ungle­ich­mäs­sige Verteilung der Lade­in­fra­struk­tur, höhere Her­stel­lungskosten – ein­schliesslich der Strompreise – und belas­tende Zölle von wichti­gen Han­delspart­nern, wie der 15%-Zoll auf EU-Fahrzeug­ex­porte in die USA.

Wir wer­den gebeten, uns mit gebun­de­nen Hän­den zu trans­formieren. Infolgedessen liegt der Mark­tan­teil von bat­terieelek­trischen Fahrzeu­gen noch weit davon ent­fer­nt, wo er sein muss – rund 15% bei Pkw, etwa 9% bei Liefer­wa­gen und 3,5% bei Last­wa­gen. Einige EU-Märk­te zeigen Fortschritte, aber ein gross­er Teil der Kun­den zögert weit­er­hin, auf alter­na­tive Antriebe umzusteigen.

Technologische Vielfalt als Schlüsselfaktor

Damit der Umstieg zu ein­er offen­sichtlichen Wahl für eine kri­tis­che Masse europäis­ch­er Ver­brauch­er und Unternehmen wird, sind viel ambi­tion­ierte, langfristige und kon­sis­tente nach­frage­seit­ige Anreize nötig – ein­schliesslich gerin­ger­er Energiekosten für das Laden, Kauf­sub­ven­tio­nen, Steuer­erle­ichterun­gen und bevorzugter Zugang zu inner­städtis­chem Raum. Mehrere Antrieb­sstrangtech­nolo­gien beschle­u­ni­gen die Mark­takzep­tanz und helfen, Dekar­bon­isierung real­is­tisch umzuset­zen. Andere Märk­te nutzen diesen Ansatz bere­its erfol­gre­ich.

Der Trans­for­ma­tion­s­plan Europas für die Autoin­dus­trie muss über Ide­al­is­mus hin­aus­ge­hen und die aktuellen indus­triellen und geopoli­tis­chen Real­itäten anerken­nen. Die stren­gen CO2-Ziele für Autos und Liefer­wa­gen von 2030 und 2035 zu erre­ichen, ist in der heuti­gen Welt ein­fach nicht mehr mach­bar. Stattdessen muss der derzeit­ige CO2-Reduk­tion­sp­fad im Strassen­verkehr neu justiert wer­den, um sicherzustellen, dass er die EU-Kli­maziele erfüllt und gle­ichzeit­ig Europas indus­trielle Wet­tbe­werb­s­fähigkeit, sozialen Zusam­men­halt und die strate­gis­che Resilienz der Liefer­ket­ten wahrt.

Wirtschaftlichkeit und Bürokratieabbau

Erfol­gre­iche Dekar­bon­isierung bedeutet, über die Neu­fahrzeugziele hin­auszuge­hen – es erfordert, Emis­sio­nen aus dem beste­hen­den Fahrzeugbe­stand anzuge­hen (z. B. durch beschle­u­nigte Flot­ten­erneuerung), fiskalis­che und kauf­be­zo­gene Anreize zu erweit­ern (ein­schliesslich für Fir­men­wa­gen und Liefer­wa­gen) und gezielte Mass­nah­men für Last­wa­gen und Busse einzuführen, um die Gesamtkosten des Eigen­tums auszu­gle­ichen. Erfol­gre­iche Ökonomie bedeutet, Her­steller und Zulief­er­er prof­ita­bel und wet­tbe­werb­s­fähig zu hal­ten, um kün­ftige Investi­tio­nen zu ermöglichen und das Auto­mo­bil-Ökosys­tem zu stärken.

Sie fordert auch ein­fachere, schlankere EU-Vorschriften, um Bürokratie abzubauen. Erfol­gre­iche Resilienz bedeutet, Bedin­gun­gen zu schaf­fen, unter denen smart in die Wertschöp­fungs­ket­ten für Bat­te­rien, Hal­bleit­er und kri­tis­che Rohstoffe investiert wird. Es bedeutet auch, langfristige, strate­gis­che Part­ner­schaften mit zuver­läs­si­gen glob­alen Ver­bün­de­ten aufzubauen, um Abhängigkeit­en zu ver­ringern. Wenn eine dieser Dimen­sio­nen scheit­ert, bricht die gesamte Trans­for­ma­tion zusam­men.

Die bevorste­hende Über­ar­beitung der CO2-Stan­dards für Autos und Liefer­wa­gen bietet eine Gele­gen­heit, den Kurs zu kor­rigieren und drin­gend benötigte Flex­i­bil­ität, indus­triellen Blick­winkel und einen mark­t­durch­drun­genen Ansatz geset­zlich zu ver­ankern.

Strafen und Vorschriften sind nicht die alleinige Lösung

Schon jet­zt ist klar, dass Strafen und rechtliche Vor­gaben allein die Trans­for­ma­tion nicht vorantreiben wer­den. Tech­nol­o­gis­che Neu­tral­ität sollte das zen­trale Reg­ulierungskonzept sein, das sich­er­stellt, dass alle Tech­nolo­gien zur Dekar­bon­isierung beitra­gen kön­nen. Elek­tro­fahrzeuge wer­den zwar eine führende Rolle spie­len, es muss aber auch Platz für (Plug-in-)Hybride, Range Exten­ders, hoch effiziente Fahrzeuge mit Ver­bren­nungsmo­tor (ICE), Wasser­stoff und entkar­bon­isierte Treib­stoffe geschaf­fen wer­den.

Eine bessere Nutzung zen­traler Tran­si­tion­stech­nolo­gien, wie Plug-in-Hybrid­fahrzeuge, wird entschei­dend sein, um Dekar­bon­isierungsziele zu erre­ichen, Ver­brauch­er in die grüne Trans­for­ma­tion einzu­binden und Export­märk­te zu bedi­enen, in denen die Nach­frage nach dieser Tech­nolo­gie hoch bleiben wird. Wenn die EU jedoch beste­hende Regeln ver­schärft, die den Fahrstrecke für Plug-in-Hybride (PHEVs) berück­sichti­gen – der soge­nan­nte „Util­i­ty Fac­tor“ – kön­nte dies ein nachteiliges Sig­nal set­zen und unseren Wet­tbe­wer­bern einen Vorteil ver­schaf­fen. Die poten­zielle Aufhe­bung der Ein­schränkung des Util­i­ty Fac­tors ist die logis­che Option, die indus­trielle Per­spek­tive für Her­stel­lung­stech­nolo­gien in Europa zu öff­nen.

Jen­seits der Abgase­mis­sio­nen haben Her­steller und Zulief­er­er auch erhe­bliche Investi­tio­nen getätigt, um Emis­sio­nen bei der Her­stel­lung von Fahrzeu­gen und Kom­po­nen­ten zu senken. Es lohnt sich zu prüfen, ob und wie diese Bemühun­gen als Teil eines flex­i­bleren Dekar­bon­isierungsansatzes anerkan­nt wer­den kön­nten. Inno­va­tion­san­reize schaf­fen typ­is­cher­weise stärkere und umfassendere Wertschöp­fungs­ket­ten-Beiträge und stärken das Ökosys­tem. Optio­nen kön­nten langfristige Lösun­gen umfassen, wie Kohlen­stoff­spe­icherung und ‑ent­fer­nung. 

Wirtschaftlich tragbare Lösungen für den Strassengüterverkehr

Die CO2-Regelung für schwere Last­wa­gen und Busse muss eben­falls so bald wie möglich über­prüft wer­den. Dieser Mark­t­seg­ment benötigt belast­bare wirtschaftliche Argu­mente für alle Akteure im gewerblichen Stras­sen­güter­verkehr, um die Trans­for­ma­tion einzuleit­en. Das kann nicht bis 2027 warten.

Schliesslich muss die Kom­mis­sion sich­er­stellen, dass Europa seine wichtige Pro­duk­tion­ska­paz­ität und sein tech­nol­o­gis­ches Know-how behält. Ohne Poli­tiken, die die europäis­che Wet­tbe­werb­s­fähigkeit stärken, um die Her­stel­lung aufrechtzuer­hal­ten, riskiert die Trans­for­ma­tion, unsere indus­trielle Basis auszuzehren und Inno­va­tion, qual­i­ta­tiv hochw­er­tige Beschäf­ti­gung und die Resilienz der Liefer­kette zu gefährden. Die Welt hat sich seit Fes­tle­gung der aktuellen Rich­tung drastisch verän­dert – und die EU-Strate­gie für den Auto­mo­bilsek­tor muss sich mit ihr verän­dern. 

Die letzte Chance für eine Kursänderung

Wir müssen über die enge Annahme hin­auskom­men, dass diese Trans­for­ma­tion auss­chliesslich von CO2-Zie­len für Neu­fahrzeuge abhängt. Deshalb ist der kom­mende Strate­gis­che Dia­log zur Zukun­ft der Auto­mo­bilin­dus­trie am 12. Sep­tem­ber der Moment für eine Kursän­derung. Das ist die let­zte Chance der EU, ihre Poli­tik an die heuti­gen Markt‑, geopoli­tis­chen und wirtschaftlichen Real­itäten anzu­passen – oder Gefahr zu laufen, eine der erfol­gre­ich­sten und weltweit wet­tbe­werb­s­fähig­sten Branchen zu gefährden. Wir teilen ein gemein­sames Ziel, doch die Reise erfordert mehr Prag­ma­tismus und Flex­i­bil­ität, um den Motor der europäis­chen Auto­mo­bil­branche am Laufen zu hal­ten.

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