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Experteninterview mit Dr. Manfred Bäcker und Dr.-Ing. Christoph Burkhart

“Auf dem Weg zur virtuellen Reifenentwicklung”

Die Virtuelle Reifenentwicklung mit CDTire ermöglicht realitätsnahe Simulationen für die Automobilindustrie. Das Tool des Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik ITWM reduziert Testfahrten, senkt Kosten und verbessert die Vorhersage von Fahrverhalten, Komfort und Rollwiderstand – besonders für E-Fahrzeuge.
Fraunhofer ITWM
DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
• Realitätsnahe Reifensimulation für Fahrzeugentwicklung und Fahrzeugsimulator.
• Reduzierung von Testfahrten und Prototypen durch virtuelle Modelle.
• Präzise Prognose von Rollwiderstand und Reichweite bei E-Fahrzeugen.

Bevor ein Auto vom Band rollt, testen die Her­steller die Fahrzeug-Designs virtuell. Beson­ders schwierig ist die Sim­u­la­tion der Reifen, weil sie beim Fahren durch Schlaglöch­er und über Boden­wellen extrem beansprucht wer­den. Mit der Reifen­mod­el­lierungs-Soft­ware “CDTire” bieten Fraun­hofer-Forsch­er ein Sim­u­la­tion­swerkzeug an, das Räder real­ität­snah darstellt und die Auto­mo­bilin­dus­trie in zahlre­ichen Analy­seszenar­ien unter­stützt. Wie die neue Soft­ware ausser­dem hil­ft, Kosten zu sparen und aufwändi­ge Test­fahrten von der Ver­suchsstrecke in den Fahrzeugsim­u­la­tor zu ver­legen, erk­lären Dr. Man­fred Bäck­er und Dr.-Ing. Christoph Burkhart vom Fraun­hofer-Insti­tut für Tech­no- und Wirtschafts­math­e­matik ITWM.

Warum stellt die Simulation von Reifen eine so grosse Herausforderung dar?

Dr. Man­fred Bäck­er: Weil Reifen sich kom­plex und nicht­lin­ear ver­hal­ten. Beim Fahren entste­ht Wärme, die die Eigen­schaften der Reifen verän­dert, was eine präzise und gle­ichzeit­ig schnelle Berech­nung schwierig macht. Daher bedarf es hochen­twick­el­ter Mod­elle, die sowohl die ther­mis­chen Effek­te als auch die nicht­lin­eare Dynamik des Reifens auf der Strasse berück­sichti­gen, was eine rechen­in­ten­sive Auf­gabe darstellt.

Wie gelingt es Ihnen, eine gute Balance zwischen Rechenzeit und Genauigkeit zu erreichen?

Dr.-Ing Christoph Burkhart: CDTire ist eigentlich eine Fam­i­lie von Reifen­mod­ellen mit unter­schiedlich­er Mod­el­lierung von Gür­tel, Seit­en­wand und Lauf­fläche, um für ver­schiedene Anwen­dun­gen eine opti­male Mis­chung aus Genauigkeit und rech­ner­ischem Aufwand anzu­bi­eten. Ziel ist die real­ität­sna­he Abbil­dung bei gle­ichzeit­ig schneller Berech­nung. Das umfasst auch Echtzeit­mod­elle.

Wie treibt CDTire die virtuelle Reifenentwicklung voran?

Dr. Man­fred Bäck­er: In der Auto­mo­bilin­dus­trie wer­den Reifen­mod­elle in Fahrzeugsim­u­la­tio­nen inte­gri­ert, um das Fahrver­hal­ten virtuell zu testen und zu opti­mieren. Diese Sim­u­la­tio­nen berück­sichti­gen kom­plexe Fak­toren wie Wärmeen­twick­lung, Reifen­ver­for­mung und Mate­ri­aleigen­schaften, die sich auf das Fahrver­hal­ten auswirken. Fahrzeugher­steller nutzen Reifen­mod­elle, um im Entwick­lung­sprozess früh Aus­sagen über Kom­fort, Betrieb­s­fes­tigkeit und fahr­dy­namis­che Eigen­schaften eines Entwick­lungs­standes zu erhal­ten. Diese Reifen­mod­elle waren anfangs, etwa vor 15 Jahren, noch sehr reduziert, während Reifen­her­steller schon damals aus­ge­feilte Reifen­mod­elle ver­wen­de­ten, die aber wegen ihres hohen Rechen­zeitbe­darfs in der Gesamt­fahrzeug-Sim­u­la­tion nicht anwend­bar waren.

Mit CDTire kon­nten wir die Brücke zwis­chen Reifen- und Auto­mo­bil­her­stellern schla­gen. Unser Tool fungiert qua­si als Aus­tauschfor­mat zwis­chen bei­den Indus­trien. Die Reifenin­dus­trie nutzt es in der Voren­twick­lung, die Auto­mo­bilin­dus­trie im Gesamt­fahrzeugkon­text. Anpas­sun­gen für OE-Reifen (Orig­i­nal-Equip­ment-Reifen), die speziell für die Erstaus­rüs­tung eines Fahrzeugs entwick­elt wer­den, lassen sich mit CDTire sehr schnell umset­zen.

CDTire ist also ein häufig verwendetes Reifenmodell geworden?

Dr. Man­fred Bäck­er: Ja, fast alle namhaften Fahrzeug- und Reifen­her­steller zählen zu unseren Kun­den. Da CDTire virtuelle Test­fahrten in Fahrzeugsim­u­la­toren erlaubt, sparen sich die Unternehmen in der Entwick­lungsphase aufwändi­ge reale Test­fahrten und die Pro­duk­tion teur­er pro­to­typ­is­ch­er Reifen. Je nach Anwen­dung lassen sich unsere Reifen­mod­elle, die in Echtzeit rech­nen, in den Sim­u­la­tor ein­klinken. Mit unser­er Entwick­lung haben wir den Schritt weg von der Test­strecke hin zum Fahrzeugsim­u­la­tor ermöglicht. Unser Ziel ist es, die Bew­er­tung eines Reifens primär durch pro­fes­sionelle Test­fahrende am Fahrzeugsim­u­la­tor durch virtuelle Reifen- und Fahrzeug­pro­to­typen zu erledi­gen, damit ide­al­er­weise nur noch die End­ab­nahme des Pro­to­typen auf der realen Test­strecke erfol­gen muss.

Mit CDTire können Sie den kompletten Entwicklungsprozess der Reifen abbilden. Wie geht das?

Dr.-Ing. Christoph Burkhart: Mit CDTire erhal­ten Entwick­lungsin­ge­nieure und ‑inge­nieurin­nen ein Reifen­mod­ell für fast alle Analy­seszenar­ien. Unser beson­deres Augen­merk auf die Gürtel­dy­namik und Inter­ak­tion mit 3D-Fahrbah­nober­flächen erlaubt eine gute Vorher­sage­ge­nauigkeit, auch deut­lich ausser­halb des Bere­ichs, der im Rah­men von Mes­sun­gen zur Bedatung des Mod­ells abgedeckt wird. Während der Reifen­sim­u­la­tion wer­den die Radnabenkräfte und ‑momente auf jedes Rad, sowie die Kon­tak­tkräfte auf die Fahrbahn berech­net.

Welche besonderen Erweiterungen beziehungsweise Funktionalitäten bietet die aktuelle Version der Software?

Dr. Man­fred Bäck­er: Mit CDTire/3D haben eine Art Mul­ti-Physics-Tool geschaf­fen, das zum Beispiel die Tem­per­a­turentste­hung und ‑entwick­lung und durch die Inte­gra­tion eines dynamis­chen Innen­luft­mod­ells auch die Innen­luft des Reifens simulieren kann sowie seit neustem auch den Abrieb. Die Innen­luftschwingun­gen über­tra­gen sich über die Karosserie auf den Fahrzeug­in­nen­raum, was zur Vibra­tion von Lenkrad und Arma­turen­brett führt und das Kom­fortempfind­en der Fahrzeu­g­in­sassen beein­trächtigt – sie sind vor allem aber auch akustisch wahrnehm­bar. Ins­beson­dere in Elek­tro­fahrzeu­gen wer­den die Schwingun­gen als störend wahrgenom­men.

Darüber hin­aus kön­nen wir mith­il­fe unseres neuen flex­i­blen Fel­gen­mod­ells den Reifen in Kom­bi­na­tion mit der Felge als Gesam­trad bew­erten, was den Mod­ell­bere­ich und die Möglichkeit­en deut­lich erweit­ert.

Inwiefern spielen Ihre Simulationen auch für die Reichweite von E‑Fahrzeugen eine Rolle?

Dr.-Ing. Christoph Burkhart: Mit CDTire sind wir jet­zt auch in der Lage, den Roll­wider­stand präzise zu simulieren und unter unter­schiedlichen Betrieb­s­be­din­gun­gen vorherzusagen. Der Roll­wider­stand von Reifen ist die Folge von Energiev­er­lus­ten. Er ist Teil des EU-Reifen­la­bels, das ihn in Effizien­zk­lassen von A bis E ein­teilt. Ein gerin­ger­er Roll­wider­stand verbessert den Treib­stof­fver­brauch und dementsprechend auch die Energieef­fizienz. Die Prax­is sieht jedoch anders aus, wodurch die Effizien­zk­lassen im All­t­ag durch viele Kurzstreck­en mit kalten Reifen nicht erre­ich­bar sind.

Ger­ade für E‑Fahrzeuge ist dies jedoch von Bedeu­tung, da es die Reich­weite bee­in­flusst. Wir haben CDTire so weit­er­en­twick­elt, dass es nun auch innere Rei­bungsver­luste berück­sichtigt. Durch Kop­plung der inneren Rei­bung mit dem Tem­per­atur­mod­ell ist eine real­ität­sna­he Sim­u­la­tion des Roll­wider­stands möglich.

Wollen Sie mit Ihrer Technologie den Transfer in die Wirtschaft wagen?

Dr. Man­fred Bäck­er: Ja, 2026 gehen wir in Kaiser­slautern mit unser­er Aus­grün­dung Vir­tu­al Tire Tech­nolo­gies (VTT) an den Start. Wir wer­den aber weit­er­hin mit dem Fraun­hofer ITWM zusam­me­nar­beit­en und in engem Aus­tausch bleiben.

Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik ITWM

Die Fraun­hofer-Gesellschaft mit Sitz in Deutsch­land ist eine der führen­den Organ­i­sa­tio­nen für anwen­dung­sori­en­tierte Forschung. Im Inno­va­tion­sprozess spielt sie eine zen­trale Rolle – mit Forschungss­chw­er­punk­ten in zukun­ft­srel­e­van­ten Schlüs­sel­tech­nolo­gien und dem Trans­fer von Forschungsergeb­nis­sen in die Indus­trie zur Stärkung des Wirtschafts­stan­dorts und zum Wohle der Gesellschaft. Seit ihrer Grün­dung als gemein­nütziger Vere­in im Jahr 1949 nimmt sie eine einzi­gar­tige Posi­tion im Wis­senschafts- und Inno­va­tion­ssys­tem ein.

Knapp 32’000 Mitar­bei­t­ende an 75 Insti­tuten und selb­st­ständi­gen Forschung­sein­rich­tun­gen in Deutsch­land erar­beit­en das jährliche Finanzvol­u­men von 3,6 Mrd. €. Davon ent­fall­en 3,1 Mrd. € auf das zen­trale Geschäftsmod­ell von Fraun­hofer, die Ver­trags­forschung. Im Ver­gle­ich zu anderen öffentlichen Forschung­sein­rich­tun­gen bildet die Grund­fi­nanzierung durch Bund und Län­der lediglich das Fun­da­ment des jährlichen Forschung­shaushalts. Sie ist die Basis für weg­weisende Vor­lauf­forschung, die in den kom­menden Jahren für Wirtschaft und Gesellschaft bedeu­tend wird. Das entschei­dende Alle­in­stel­lungsmerk­mal ist der hohe Anteil an Wirtschaft­serträ­gen, der Garant ist für die enge Zusam­me­nar­beit mit Wirtschaft und Indus­trie und die stetige Mark­to­ri­en­tierung der Fraun­hofer-Forschung: 2024 beliefen sich die Wirtschaft­serträge auf 867 Mio. € des laufend­en Haushalts. Ergänzt wird das Forschungsport­fo­lio durch im Wet­tbe­werb einge­wor­bene öffentliche Pro­jek­t­mit­tel, wobei eine aus­ge­wo­gene Bal­ance zwis­chen öffentlichen und wirtschaftlichen Erträ­gen angestrebt wird.

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