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Kognitive Belastung beim Autofahren

Wenn der Mensch an seine Grenzen stösst, soll die Technik einspringen können

Fraunhofer-Forschende entwickeln Sensoren und KI zur Erkennung kognitiver Belastung. Das System überwacht Biosignale und kann Autofahrende künftig gezielt entlasten. Auch Piloten und medizinisches Personal könnten profitieren.
Fraunhofer IIS / Paul Pulkert
DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
• Sensoren erfassen Biosignale und ermöglichen eine mobile Messung kognitiver Belastung.
• KI-Algorithmen erkennen individuelle Belastungsgrenzen und können Menschen gezielt unterstützen.
• Die Technologie eignet sich künftig für Autos, Piloten und medizinische Anwendungen.

Aut­o­fahren erscheint so selb­stver­ständlich, dass vie­len kaum noch bewusst ist, welche enor­men Infor­ma­tion­s­men­gen der Men­sch am Steuer ver­ar­beit­en muss. Das Dis­play meldet Werte wie Geschwindigkeit, Drehzahl und Tank­fül­lung, das Navi zeigt die Route an, Ampeln, Strassen­schilder und andere Verkehrsteil­nehmer sind zu beacht­en. Hinzu kom­men eventuell die Unter­hal­tung mit dem Beifahrer oder die Nachricht­en im Autora­dio. Gefährlich kann es wer­den, wenn der Fahrer die Gren­ze sein­er kog­ni­tiv­en Belas­tungs­fähigkeit erre­icht – und dann in ein­er kri­tis­chen Verkehrssi­t­u­a­tion blitzschnell die richtige Entschei­dung tre­f­fen muss. Forschende des Fraun­hofer-Insti­tuts für Inte­gri­erte Schal­tun­gen IIS in Erlan­gen arbeit­en an einem Sys­tem, das Men­schen bei kom­plex­en Tätigkeit­en in unter­schiedlichen Anwen­dun­gen oder Sit­u­a­tio­nen unter­stützt und dabei ihre kog­ni­tive Belas­tungs­gren­ze berück­sichtigt.

Kognitive Belastung beim Autofahren erkennen

Forschende des Fraun­hofer-Insti­tut für Inte­gri­erte Schal­tun­gen IIS arbeit­en in diesem Sinne konkret an einem intel­li­gen­ten Unter­stützungssys­tem. Dabei kom­binieren sie ein mobiles Sen­sor-Net­zw­erk mit KI-gestützten Algo­rith­men. Das Sys­tem erken­nt indi­vidu­elle Belas­tungs­gren­zen anhand ver­schieden­er Biosig­nale. Dazu gehören beispiel­sweise Puls, Atem­fre­quenz und Bewe­gun­gen. Erre­ichen Men­schen ihre per­sön­liche Belas­tungs­gren­ze, kann die Tech­nik kün­ftig unter­stützen. Fahrzeuge kön­nten dann bes­timmte Auf­gaben automa­tisch übernehmen. Ausser­dem kön­nte das Sys­tem eine Pause an der näch­sten Rast­stätte empfehlen.

Mobiles Sensor-Netzwerk für Biosignale

Das Sen­sor-Net­zw­erk maphera bildet einen wichti­gen Bestandteil des Forschung­spro­jek­ts. Es ermöglicht die mobile Mes­sung ver­schieden­er Biosig­nale ausser­halb des Labors. Dabei ist das Sys­tem mod­u­lar aufge­baut. Je nach Anwen­dung lassen sich unter­schiedliche Sen­soren miteinan­der kom­binieren.

Die Tech­nik kann beispiel­sweise in Tex­tilien inte­gri­ert wer­den. Auch Arm­bän­der und soge­nan­nte Smart Patch­es sind möglich. Smart Patch­es sind kleine Sen­soren für die Haut. Sie kön­nen Biosig­nale kon­tinuier­lich erfassen und über­tra­gen. Die Datenüber­tra­gung erfol­gt über Blue­tooth Low Ener­gy. Dadurch eignet sich das Sys­tem auch für mobile Anwen­dun­gen.

Eine beson­dere Her­aus­forderung stellen unter­schiedliche Mikro­con­troller dar. Diese Bauteile arbeit­en teil­weise mit unter­schiedlichen Tak­t­fre­quen­zen. Bei kurzen Mes­sun­gen fällt diese Abwe­ichung kaum ins Gewicht. Über mehrere Stun­den kön­nen jedoch erhe­bliche zeitliche Ver­schiebun­gen entste­hen. Dadurch lassen sich Biosig­nale nicht mehr exakt einem Zeit­punkt zuord­nen. Das kann die spätere Auswer­tung deut­lich erschw­eren. Die Fraun­hofer-Forschen­den haben deshalb die zeitlichen Drifts berück­sichtigt. Ihr Sys­tem syn­chro­nisiert die Sen­sor­dat­en mit ein­er Tol­er­anz von nur 30 Mikrosekun­den. Der Pro­jek­t­name maphera ver­weist eben­falls auf diese zeit­gle­iche Über­tra­gung.

Kognitive Belastung mit Computerspielen messen

Ein weit­er­er Forschungss­chw­er­punkt unter­sucht den Zusam­men­hang zwis­chen Biosig­nalen und kog­ni­tiv­er Belas­tung. Dafür absolvieren Probandin­nen und Proban­den ver­schiedene Auf­gaben. Die Tests find­en in ein­er speziellen Expo­si­tion­sk­abine statt. Dort lassen sich äussere Ein­flüsse weit­ge­hend kon­trol­lieren. Dazu gehören beispiel­sweise Lärm, Zugluft und Tem­per­aturverän­derun­gen. Dadurch kön­nen die Forschen­den die Ver­suchssi­t­u­a­tion möglichst kon­stant hal­ten. Die Auf­gaben wer­den schrit­tweise schwieriger. Zusät­zlich kom­men Com­put­er­spiele zum Ein­satz.

Ein Beispiel ist ein virtuelles Sushi-Restau­rant. Die Ver­suchsper­so­n­en nehmen Bestel­lun­gen auf und bere­it­en Sushi-Gerichte zu. Mit zunehmender Spiel­d­auer steigt die Zahl der Bestel­lun­gen. Gle­ichzeit­ig wer­den die Gerichte zunehmend kom­plex­er. Während­dessen erfassen Sen­soren ver­schiedene Biosig­nale des Kör­pers. Die Forschen­den kom­binieren diese Dat­en anschliessend mit einem soge­nan­nten n-back-Test.

Dieser psy­chol­o­gis­che Stan­dard­test unter­sucht unter anderem Aufmerk­samkeit und Erin­nerungsver­mö­gen. Zusät­zlich führen die Forschen­den per­sön­liche Inter­views mit den Ver­suchsper­so­n­en durch. Alle Infor­ma­tio­nen fliessen anschliessend in eine gemein­same Analyse ein. Dafür ver­wen­den die Forschen­den selb­st entwick­elte KI-Algo­rith­men.

So entste­ht ein indi­vidu­elles Pro­fil der kog­ni­tiv­en Belas­tung. Dieses Pro­fil soll indi­vidu­elle Belas­tungs­gren­zen möglichst zuver­läs­sig abbilden.

KI erkennt individuelle Belastungsgrenzen

Die Kom­bi­na­tion aus Sen­sorik und kün­stlich­er Intel­li­genz eröffnet neue Möglichkeit­en. Denn Belas­tung lässt sich dadurch kon­tinuier­lich und indi­vidu­ell erfassen. Das Sys­tem betra­chtet dabei nicht nur einzelne Mess­werte. Stattdessen analysiert es ver­schiedene Biosig­nale gemein­sam. Dadurch kön­nen typ­is­che Muster bei steigen­der Belas­tung erkan­nt wer­den. Die KI berück­sichtigt ausser­dem die indi­vidu­ellen Unter­schiede zwis­chen Men­schen.

Genau diese Indi­vid­u­al­isierung ist für prak­tis­che Anwen­dun­gen beson­ders wichtig. Denn Men­schen reagieren unter­schiedlich auf gle­iche Auf­gaben und Belas­tungssi­t­u­a­tio­nen. Das Ver­fahren kön­nte deshalb über klas­sis­che Überwachungssys­teme hin­aus­ge­hen. Es kön­nte kün­ftig sit­u­a­tion­s­ab­hängige Unter­stützung ermöglichen.

Driver-Monitoring-Systeme für Neuwagen

Ein wichtiges Ein­satzge­bi­et sind mod­erne Fahrzeuge. Dort kön­nten Sen­soren und Kam­eras den Fahrer kon­tinuier­lich beobacht­en. Erre­icht die kog­ni­tive Belas­tung einen kri­tis­chen Wert, kön­nte das Fahrzeug reagieren. Beispiel­sweise kön­nten bes­timmte Funk­tio­nen automa­tisch über­nom­men wer­den. Auch eine Empfehlung für eine Pause wäre denkbar. Dadurch kön­nte das Sys­tem die Sicher­heit bei län­geren Fahrten erhöhen. Auto­mo­bil­her­steller beschäfti­gen sich bere­its inten­siv mit Dri­ver-Mon­i­tor­ing-Sys­te­men. Diese Sys­teme sollen erken­nen, ob Fahrer aufmerk­sam bleiben.

Im Rah­men der EU-Gen­er­al-Safe­ty-Reg­u­la­tion gel­ten dafür neue Anforderun­gen. Kam­er­abasierte Dri­ver-Mon­i­tor­ing-Sys­teme wer­den dadurch für Neuwa­gen zunehmend rel­e­vant. Das bet­rifft auch Fahrzeuge mit automa­tisierten Fahrfunk­tio­nen. Denn auch dort muss der Fahrer bei Bedarf ein­greifen kön­nen.

Kognitive Belastung beim Autofahren gezielt reduzieren

Kün­ftige Fahrzeugsys­teme kön­nten daher nicht nur Ablenkung erken­nen. Sie kön­nten auch die indi­vidu­elle kog­ni­tive Belas­tung berück­sichti­gen. Das Fahrzeug kön­nte seine Funk­tio­nen entsprechend anpassen. So liesse sich die Kom­plex­ität ein­er Fahrsi­t­u­a­tion möglicher­weise gezielt reduzieren. Damit entste­ht ein neuer Ansatz für intel­li­gente Fahreras­sis­ten­zsys­teme. Die Tech­nik reagiert nicht nur auf das Fahrzeug, son­dern auch auf den Men­schen.

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