Der Fachkräftemangel ist ein Problem, das der Wirtschaft und insbesondere dem Handwerk seit Jahren ernsthafte Sorgen bereitet. Junge Leute von heute, und das nicht erst seit gestern, zieht es in Berufe, die Wohlklang erzeugen, mit denen man ein eigenartiges Selbstwertgefühl, das mehr auf Schein denn auf Sein setzt, hochschrauben kann, die einen fetten Lohn versprechen und bei denen man sich ja nicht die Hände schmutzig macht. Dabei vergessen sie, dass es genau die von ihnen abschätzig bewerteten Tätigkeiten sind, die den Grossteil ihrer täglichen Selbstverständlichkeiten begründen und ermöglichen, während die von ihnen favorisierten Berufsbilder nicht selten reine Kostenstellen für die Allgemeinheit verkörpern und keinerlei Wertschöpfung versprechen – ganz im Gegenteil. Sie entpuppen sich auf der materiellen wie auch der mentalen Ebene nur allzu oft als reine Belastungsfaktoren.
«Allwissend» ins Leben geschmissen
Ein langjähriger Freund von mir ist Ingenieur in Funktechnik. Seine Schilderungen, was da an Nachwuchs nachrücke, ist bezeichnend. «Was vom Vorlesungssaal ins Leben gespült wird, ist unglaublich. Da kommen so Schnösel mit einem schillernden Diplom in der Hand und glauben sich damit allwissend. Dabei», und er bekennt an dieser Stelle, dass er es etwas überspitzt formuliere, «muss ich ihnen noch erklären, wie man einen Schraubenzieher richtig in die Hand nimmt.» Dies Drama nimmt aber einen weiteren Verlauf, «weil diese Geschöpfe derart von sich und ihrem Lehrbuchwissen überzeugt sind, zeigen sie wenig Bereitschaft und Bewusstsein, sich im Leben fortzubilden und sich damit im positiven Sinne und im Interesse der Sache weiterzuentwickeln.» Und was ist die Konsequenz davon? – Mein Freund ist seit drei Jahren pensioniert, wird aber von seinem letzten Arbeitgeber laufend um Hilfe gebeten, weil niemand mehr seine Tätigkeit ausfüllen kann. Was sich hier abspielt, höre ich in den letzten Jahren von recht vielen Unternehmern und Kaderleuten.
Zur Ehrenrettung möchte ich allerdings anfügen: Ich habe im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit immer wieder Reportagen von jungen Leuten machen dürfen, die als wahre Düsentriebs hervorstechen. Sie machen sich Gedanken, nehmen Bedürfnisse, die sicht- und spürbar werden, auf, und suchen nach Lösungen. Dabei entwickeln sie ganz innovative Ideen und setzen sie auch in die Tat um. Es wäre indes vermessen zu behaupten, es handle sich dabei um eine Mehrheit – ich gehe eher vom Gegenteil aus.
Der schleichende Tod von Vernunft und Zusammenhängen
So kommt es, dass Berufe im Sozialwesen, den Geisteswissenschaften und der Justiz Hochkonjunktur feiern, während händeringend nach Sanitären, Schreinern, Automechaniker, Chauffeuren, Metzger und Bäcker gerufen wird. «Gib mir mein täglich Brot!» hat eine ganz neue Wertigkeit erlangt, die im Grund von der Abwertung elementaren und unabdingbaren Schaffens geprägt wird, auf das keiner und keine von uns verzichten will und kann. Doch in grösseren Zusammenhängen zu denken, sich zu überlegen, welche Rahmenbedingungen und Leistungen erbracht werden müssen, um all unsere Begehrlichkeiten abzudecken, scheint uns komplett abhanden gekommen zu sein.
Eine Wohlstandsgesellschaft, welche den Jungen zumindest materiell alles in den Schoss fallen liess, hat ihr Denkvermögen auf die Ich-AG beschränkt, und vieles, was für echte Werte steht verkümmern lassen. Verbal, in Worthülsen halten wir zwar weiterhin daran fest, suggerieren ein Bewusstsein, das uns zum Gutmenschen stilisiert. In der gelebten Form indes geht jegliche Substanz, welche die Wertigkeit erst ausmachen würde, verloren. Der edle Ansporn der Musketiere, “Alle für einen, einer für alle”, hat sich in “Jeder für sich” gewandelt.
Die Wissenschaft beraubt sich ihrer Glaubwürdigkeit
Die Resultate sind nicht zu übersehen. Grosse Teile der Wissenschaft sind einzig noch dazu gedacht, einem Narrativ zuzudienen, das auf Teufel komm raus finanziellen, politischen und ideologischen Zielen zum Durchbruch verhelfen muss. Jener Teil der Wissenschaft, der diesen Ansprüchen die Gefolgschaft verweigert, wird diffamiert, ausgegrenzt und sogar abgestraft. Klassische und aktuelle Beispiele zu dieser unseligen Geisteshaltung sind die Corona-Pandemie und die Klimaforschung. Damit aber verliert die Wissenschaft zunehmend an Glaubwürdigkeit. So oder so gilt es festzuhalten: Wissenschaft ist in vielen Bereichen nicht mit Wissen gleichzusetzen. Oftmals basiert sie auf beliebige Modellrechnungen, Spekulation, Wahrscheinlichkeitsszenarien und Prophezeiungen. Viele davon, das sollten wir längst kapiert haben, sind nie eingetreten.
Der Schaden freilich hat sich umso mehr eingestellt. Die wirtschaftliche Situation, der Zustand dessen, was man/frau/es als Mitmenschlichkeit zu bezeichnen beliebt, hat sich merklich verschlechtert. Polarisierung, Glaubenskriege, Abgestumpftheit, Gleichgültigkeit, Ohnmacht, Gesprächsverweigerung, Beziehungslosigkeit sind die Folgen dieser Haltung. Man/frau/es lächelt sich zwar situativ noch an, findet sogar schöne Worte, aber vielfach erfüllen sie einzig kosmetischen Zweck, weil sie einem einen Vorteil versprechen oder einen in einem besseren Licht erscheinen lassen. Letztlich sind diese Regungen aber substanzlos und sowieso nicht von Ehrlichkeit erfüllt.
Die Verakademisierung geht mit Verblödung einher
Ich erinnere mich an Zeiten, als noch die Devise galt: Du hilfst mir zu leben, also helfe ich auch Dir, damit es Dir gut geht. Denn nur wenn es Dir gut geht, kannst Du mich überhaupt unterstützen. Das Zusammenwirken führte zu kameradschaftlichen, ja teils sogar gut freundschaftlichen Beziehungen. So, und nur so funktioniert der Wirtschaftskreislauf.
Heute aber scheint zu gelten: Nehmen ist seliger denn geben. Sparen, wo immer es nur geht ist angesagt. Der Widerspruch dessen zeigt sich allein im Anspruch: Der andere soll gefälligst in unsere Dienstleistungen und Produkte investieren, wir hingegen streichen die Mittel, um diesem Leitsatz nachleben zu können. Eine Einbahnstrasse, die zwangsläufig in einer Sackgasse enden muss.
Heutzutage muss man froh sein, wenn man/frau sein Gegenüber noch persönlich kennenlernt, er/sie/es sich überhaupt zu einer Reaktion auf gebotene Leistungen durchringen kann. Ich gelange einmal mehr zur Feststellung: Als Studenten schwingen sie die blutroten Fahren, üben sich in einem Hobbymarxismus mit grosskapitalistischem Selbstverständnis. Dann aber, erst mal an den Schalthebeln der Macht, werden sie zu jenen Egozentrikern, die sie als Studenten bekämpft haben.
Das Ganze gipfelt in die Erkenntnis, dass mit der fortschreitenden Verakademisierung unserer Gesellschaft auch deren Verblödung drastisch zugenommen hat. Der Graben zwischen Theorie und Praxis wird immer breiter. Nur ein Brückenschlag könnte ihn überwinden. Dazu können sich die Hochgeister in ihrer Abgehobenheit aber nicht herablassen. Es darf uns deshalb auch nicht verwundern, dass der Begriff Patron noch heute mit Wehmut respektvoll genannt wird, während die Bezeichnung Manager fast schon zum Schimpfwort mutiert ist.
Die Natur und Realität werden es richten
Die Natur hat ihre eigenen Mechanismen, die Lebewesen auf sich verändernde Lebensbedingungen anpasst. So sollen Schlangen ja einst Beine gehabt haben. Sie wurden nicht mehr benötigt, also weg damit. Mein Zahnarzt hat mir vor einigen Jahren schon angedeutet, dass viele junge Menschen gar keine Weisheitszähne mehr hätten. Er führt es auf die veränderten Ernährungsgewohnheiten zurück. Sie werden nicht mehr benötigt, also weg damit. Das nennt sich Evolution. Es gäbe zahllos weitere Beispiele. Wer gerne Tierdokumentationen sieht, könnte Beispiel um Beispiel einbringen.
Im Zeitalter von Automatisierung, Digitalisierung und jetzt auch KI stellt sich deshalb ernsthaft die Frage: Wird die Natur im Zuge der Evolution bei künftigen Generationen der Gattung homo sapiens die Hirnmasse reduzieren, weil: So viel wird gar nicht mehr benötigt, also weg damit!
KI als Hoffnungsschimmer?
Ich habe, wiederum aus beruflichen Gründen, den kometenhaften Aufstieg künstlicher Intelligenz hautnah miterlebt. Wahnsinn, mit welchem Tempo diese Entwicklung in immer neue Bereiche vordringt. So faszinierend diese Technik auch sein mag, so sehr birgt sie auch Gefahren in sich. Wie überall lädt auch sie zum Missbrauch ein. Und Zeitgenossen, die sich solche Instrumente des vermeintlichen Fortschritts für unlautere Absichten zu Nutzen machen, hat es schon immer gegeben und wird es immer geben.
Immerhin, wenn ich jetzt lese, wie eingangs erwähnt, dass KI in der Berufswahl gerade jüngere Leute wieder zu gestandenen Tätigkeiten anregt, sehe ich positive Signale. Irgendwie fast schon zynisch, dass eine von Menschen geschaffene künstliche Intelligenz der menschlichen Intelligenz auf die Sprünge helfen muss…