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Intelligenz aus dem Vorlesungssaal

Rettet ausgerechnet KI den Fachkräftemangel?

In einer deutschen Zeitung habe ich kürzlich eine Meldung gelesen, die mich hat aufhorchen lassen. Demzufolge sei zu beobachten, dass sich immer mehr junge Leute für Berufsbilder im Handwerkssektor entscheiden. Den Grund dafür sehen die Autoren darin, dass sich die Zukunftsaussichten für diese und jene akademische Karriere als Folge der sich rasant entwickelnden Künstlichen Intelligenz (KI) zunehmend verschlechtern.
KI-generiert / eka
DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
• KI verändert Berufsbilder und schwächt klassische akademische Karrieren.
• Der Fachkräftemangel macht Handwerksberufe wieder attraktiver.
• Gesellschaft und Bildung benötigen mehr Praxis, Verantwortung und Realitätsbezug.

Der Fachkräfte­man­gel ist ein Prob­lem, das der Wirtschaft und ins­beson­dere dem Handw­erk seit Jahren ern­sthafte Sor­gen bere­it­et. Junge Leute von heute, und das nicht erst seit gestern, zieht es in Berufe, die Wohlk­lang erzeu­gen, mit denen man ein eige­nar­tiges Selb­st­wert­ge­fühl, das mehr auf Schein denn auf Sein set­zt, hochschrauben kann, die einen fet­ten Lohn ver­sprechen und bei denen man sich ja nicht die Hände schmutzig macht. Dabei vergessen sie, dass es genau die von ihnen abschätzig bew­erteten Tätigkeit­en sind, die den Grossteil ihrer täglichen Selb­stver­ständlichkeit­en begrün­den und ermöglichen, während die von ihnen favorisierten Berufs­bilder nicht sel­ten reine Kosten­stellen für die All­ge­mein­heit verkör­pern und kein­er­lei Wertschöp­fung ver­sprechen – ganz im Gegen­teil. Sie ent­pup­pen sich auf der materiellen wie auch der men­tal­en Ebene nur allzu oft als reine Belas­tungs­fak­toren.

«Allwissend» ins Leben geschmissen

Ein langjähriger Fre­und von mir ist Inge­nieur in Funk­tech­nik. Seine Schilderun­gen, was da an Nach­wuchs nachrücke, ist beze­ich­nend. «Was vom Vor­lesungssaal ins Leben gespült wird, ist unglaublich. Da kom­men so Schnösel mit einem schillern­den Diplom in der Hand und glauben sich damit all­wis­send. Dabei», und er beken­nt an dieser Stelle, dass er es etwas über­spitzt for­muliere, «muss ich ihnen noch erk­lären, wie man einen Schrauben­zieher richtig in die Hand nimmt.» Dies Dra­ma nimmt aber einen weit­eren Ver­lauf, «weil diese Geschöpfe der­art von sich und ihrem Lehrbuch­wis­sen überzeugt sind, zeigen sie wenig Bere­itschaft und Bewusst­sein, sich im Leben fortzu­bilden und sich damit im pos­i­tiv­en Sinne und im Inter­esse der Sache weit­erzuen­twick­eln.» Und was ist die Kon­se­quenz davon? – Mein Fre­und ist seit drei Jahren pen­sion­iert, wird aber von seinem let­zten Arbeit­ge­ber laufend um Hil­fe gebeten, weil nie­mand mehr seine Tätigkeit aus­füllen kann. Was sich hier abspielt, höre ich in den let­zten Jahren von recht vie­len Unternehmern und Kader­leuten.

Zur Ehren­ret­tung möchte ich allerd­ings anfü­gen: Ich habe im Rah­men mein­er beru­flichen Tätigkeit immer wieder Reporta­gen von jun­gen Leuten machen dür­fen, die als wahre Düsen­triebs her­vorstechen. Sie machen sich Gedanken, nehmen Bedürfnisse, die sicht- und spür­bar wer­den, auf, und suchen nach Lösun­gen. Dabei entwick­eln sie ganz inno­v­a­tive Ideen und set­zen sie auch in die Tat um. Es wäre indes ver­messen zu behaupten, es han­dle sich dabei um eine Mehrheit – ich gehe eher vom Gegen­teil aus.

Der schleichende Tod von Vernunft und Zusammenhängen

So kommt es, dass Berufe im Sozial­we­sen, den Geis­teswis­senschaften und der Jus­tiz Hochkon­junk­tur feiern, während hän­derin­gend nach San­itären, Schrein­ern, Auto­mechaniker, Chauf­feuren, Met­zger und Bäck­er gerufen wird. «Gib mir mein täglich Brot!» hat eine ganz neue Wer­tigkeit erlangt, die im Grund von der Abw­er­tung ele­mentaren und unab­d­ing­baren Schaf­fens geprägt wird, auf das kein­er und keine von uns verzicht­en will und kann. Doch in grösseren Zusam­men­hän­gen zu denken, sich zu über­legen, welche Rah­menbe­din­gun­gen und Leis­tun­gen erbracht wer­den müssen, um all unsere Begehrlichkeit­en abzudeck­en, scheint uns kom­plett abhan­den gekom­men zu sein.

Eine Wohl­stands­ge­sellschaft, welche den Jun­gen zumin­d­est materiell alles in den Schoss fall­en liess, hat ihr Denkver­mö­gen auf die Ich-AG beschränkt, und vieles, was für echte Werte ste­ht verküm­mern lassen. Ver­bal, in Worthülsen hal­ten wir zwar weit­er­hin daran fest, sug­gerieren ein Bewusst­sein, das uns zum Gut­men­schen stil­isiert. In der gelebten Form indes geht jegliche Sub­stanz, welche die Wer­tigkeit erst aus­machen würde, ver­loren. Der edle Ans­porn der Mus­ketiere, “Alle für einen, ein­er für alle”, hat sich in “Jed­er für sich” gewan­delt. 

Die Wissenschaft beraubt sich ihrer Glaubwürdigkeit

Die Resul­tate sind nicht zu überse­hen. Grosse Teile der Wis­senschaft sind einzig noch dazu gedacht, einem Nar­ra­tiv zuzu­di­enen, das auf Teufel komm raus finanziellen, poli­tis­chen und ide­ol­o­gis­chen Zie­len zum Durch­bruch ver­helfen muss. Jen­er Teil der Wis­senschaft, der diesen Ansprüchen die Gefol­gschaft ver­weigert, wird dif­famiert, aus­ge­gren­zt und sog­ar abges­traft. Klas­sis­che und aktuelle Beispiele zu dieser unseli­gen Geis­te­shal­tung sind die Coro­na-Pan­demie und die Kli­maforschung. Damit aber ver­liert die Wis­senschaft zunehmend an Glaub­würdigkeit. So oder so gilt es festzuhal­ten: Wis­senschaft ist in vie­len Bere­ichen nicht mit Wis­sen gle­ichzuset­zen. Oft­mals basiert sie auf beliebige Mod­ell­rech­nun­gen, Speku­la­tion, Wahrschein­lichkeitsszenar­ien und Prophezeiun­gen. Viele davon, das soll­ten wir längst kapiert haben, sind nie einge­treten.

Der Schaden freilich hat sich umso mehr eingestellt. Die wirtschaftliche Sit­u­a­tion, der Zus­tand dessen, was man/frau/es als Mit­men­schlichkeit zu beze­ich­nen beliebt, hat sich merk­lich ver­schlechtert. Polar­isierung, Glauben­skriege, Abges­tumpftheit, Gle­ichgültigkeit, Ohn­macht, Gesprächsver­weigerung, Beziehungslosigkeit sind die Fol­gen dieser Hal­tung. Man/frau/es lächelt sich zwar sit­u­a­tiv noch an, find­et sog­ar schöne Worte, aber vielfach erfüllen sie einzig kos­metis­chen Zweck, weil sie einem einen Vorteil ver­sprechen oder einen in einem besseren Licht erscheinen lassen. Let­ztlich sind diese Regun­gen aber sub­stan­z­los und sowieso nicht von Ehrlichkeit erfüllt.

Die Verakademisierung geht mit Verblödung einher

Ich erin­nere mich an Zeit­en, als noch die Devise galt: Du hil­f­st mir zu leben, also helfe ich auch Dir, damit es Dir gut geht. Denn nur wenn es Dir gut geht, kannst Du mich über­haupt unter­stützen. Das Zusam­men­wirken führte zu kam­er­ad­schaftlichen, ja teils sog­ar gut fre­und­schaftlichen Beziehun­gen. So, und nur so funk­tion­iert der Wirtschaft­skreis­lauf.

Heute aber scheint zu gel­ten: Nehmen ist seliger denn geben. Sparen, wo immer es nur geht ist ange­sagt. Der Wider­spruch dessen zeigt sich allein im Anspruch: Der andere soll gefäl­ligst in unsere Dien­stleis­tun­gen und Pro­duk­te investieren, wir hinge­gen stre­ichen die Mit­tel, um diesem Leit­satz nach­leben zu kön­nen. Eine Ein­bahn­strasse, die zwangsläu­fig in ein­er Sack­gasse enden muss.

Heutzu­tage muss man froh sein, wenn man/frau sein Gegenüber noch per­sön­lich ken­nen­lernt, er/sie/es sich über­haupt zu ein­er Reak­tion auf gebotene Leis­tun­gen durchrin­gen kann. Ich gelange ein­mal mehr zur Fest­stel­lung: Als Stu­den­ten schwin­gen sie die blutroten Fahren, üben sich in einem Hob­by­marx­is­mus mit grosskap­i­tal­is­tis­chem Selb­stver­ständ­nis. Dann aber, erst mal an den Schalthe­beln der Macht, wer­den sie zu jenen Egozen­trik­ern, die sie als Stu­den­ten bekämpft haben.

Das Ganze gipfelt in die Erken­nt­nis, dass mit der fortschre­i­t­en­den Ver­akademisierung unser­er Gesellschaft auch deren Verblö­dung drastisch zugenom­men hat. Der Graben zwis­chen The­o­rie und Prax­is wird immer bre­it­er. Nur ein Brück­en­schlag kön­nte ihn über­winden. Dazu kön­nen sich die Hochgeis­ter in ihrer Abge­hoben­heit aber nicht her­ablassen. Es darf uns deshalb auch nicht ver­wun­dern, dass der Begriff Patron noch heute mit Wehmut respek­tvoll genan­nt wird, während die Beze­ich­nung Man­ag­er fast schon zum Schimpf­wort mutiert ist.

Die Natur und Realität werden es richten

Die Natur hat ihre eige­nen Mech­a­nis­men, die Lebe­we­sen auf sich verän­dernde Lebens­be­din­gun­gen anpasst. So sollen Schlangen ja einst Beine gehabt haben. Sie wur­den nicht mehr benötigt, also weg damit. Mein Zah­narzt hat mir vor eini­gen Jahren schon angedeutet, dass viele junge Men­schen gar keine Weisheit­szähne mehr hät­ten. Er führt es auf die verän­derten Ernährungs­ge­wohn­heit­en zurück. Sie wer­den nicht mehr benötigt, also weg damit. Das nen­nt sich Evo­lu­tion. Es gäbe zahl­los weit­ere Beispiele. Wer gerne Tier­doku­men­ta­tio­nen sieht, kön­nte Beispiel um Beispiel ein­brin­gen.

Im Zeital­ter von Automa­tisierung, Dig­i­tal­isierung und jet­zt auch KI stellt sich deshalb ern­sthaft die Frage: Wird die Natur im Zuge der Evo­lu­tion bei kün­fti­gen Gen­er­a­tio­nen der Gat­tung homo sapi­ens die Hirn­masse reduzieren, weil: So viel wird gar nicht mehr benötigt, also weg damit!

KI als Hoffnungsschimmer?

Ich habe, wiederum aus beru­flichen Grün­den, den kome­ten­haften Auf­stieg kün­stlich­er Intel­li­genz haut­nah miter­lebt. Wahnsinn, mit welchem Tem­po diese Entwick­lung in immer neue Bere­iche vor­dringt. So faszinierend diese Tech­nik auch sein mag, so sehr birgt sie auch Gefahren in sich. Wie über­all lädt auch sie zum Miss­brauch ein. Und Zeitgenossen, die sich solche Instru­mente des ver­meintlichen Fortschritts für unlautere Absicht­en zu Nutzen machen, hat es schon immer gegeben und wird es immer geben.

Immer­hin, wenn ich jet­zt lese, wie ein­gangs erwäh­nt, dass KI in der Beruf­swahl ger­ade jün­gere Leute wieder zu ges­tande­nen Tätigkeit­en anregt, sehe ich pos­i­tive Sig­nale. Irgend­wie fast schon zynisch, dass eine von Men­schen geschaf­fene kün­stliche Intel­li­genz der men­schlichen Intel­li­genz auf die Sprünge helfen muss…

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